IMG_7971.jpeg

INTERVIEW mit Nils Snejk

? Auf deiner Website liest man: Malen ist nicht gleich Kunst. Wie ist das zu verstehen?

Malen kann jeder, Kunst hingegen nicht. Wenn einer malt, ist er noch lange kein Künstler. Malen ist zunächst eine Tätigkeit wie Kochen. Jemand, der gerne Essen bereitet, ist noch längst kein Koch. Jemand der regelmäßig in die Kirche geht ist noch kein Priester. Der Begriff Malerei hat da schon etwas mehr. Malerei ist Hingabe und wird dann zur Kunst, wenn man eintaucht in die Welt der Kunst, wenn man sich ihr hingibt, ihr wirklich verschreibt.

? Aber man kann vom Kochen zum Koch werden? Oder?

Ja, aber das ist eine Entscheidung. Man wird nicht zufällig zum Koch. Man entscheidet sich dafür. Das ist ein Beruf, eine Berufung. Und Künstler zu werden setzt eine Entscheidung voraus. Wenn Du die Entscheidung nicht triffst, bleibst Du im Hobby Bereich, wie beim Kochen auch.

? Wie war das bei Dir? Hast Du dich entschieden, Künstler zu werden?

Ja, ich habe mich entschieden. Aber nicht Künstler zu werden, sondern Kunst zu studieren. Das ist ein großer Unterschied. Nicht jedes Studium endet im Künstlertum. Ich kenne Leute, die sind Pädagogen oder Galeristen geworden, Kuratoren, Restauratoren oder Lehrer oder auch Journalisten. Ich würde mich auch nicht als Künstler bezeichnen. Aber ich war neugierig, wollte die Kunstwelt kennenlernen. Eines Tages beschloss ich, diese andere Welt zu erkunden. Für mich ein Abenteuer, eine Expedition, ein Entschluss, etwas Neues zu entdecken.

? Wie lange ist das her, und was hast Du entdeckt?

Das ist jetzt wohl einige Jahre her. Der Eindruck ist, dass die Kunstwelt eher kompliziert und wenig durchschaubar ist, anders tickt. Mühsam, Regeln zu finden und ziemlich schwer, Orientierung zu gewinnen. Ein Wald mit vielen Wegen und Kreuzungen, manchmal Irrwege. Aber auch ein Wald mit unerwartet interessanten Lichtungen.

? Nachdem Du nun die Kunstwelt kennengelernt hast, welchen Stellenwert nimmt sie ein?

Durchaus einen hohen Stellenwert, obwohl, manchmal auch nicht. Für mich bleibt Kunst immer noch ein Rätsel, das ich gerne gelöst hätte, zumindest aber gerne besser verstanden hätte. Wie wohl ich daran scheitere, lege ich die Kunst beiseite und nehme sie erst wieder auf, wenn mir danach ist, sonst nicht. Mag sein, dass das Malen derzeit besonders intensiv ist. Klar, ist ja auch Teil des Studiums. Ob ich weitermache, werden wir sehen. Im Moment bin ich Künstler auf Zeit, würde ich sagen. 

? Bist Du also von der Kunst nicht überzeugt? 

Doch, von der Kunst schon, von meinem Verbleib als Künstler bin ich mir nicht sicher. Mich beschäftigt die Kunst, die Kunstwelt, der Kunstbetrieb, die Zusammenhänge vom Urheberrecht bis zur Transfertechnik, nicht so sehr das Künstler-Sein.

? Aber Du malst, machst Skulpturen, Siebdruck und Grafiken, ist das nicht Ausdruck des Künstler-Seins?

Man könnte es mutmaßlich so sehen. Aber mein Interesse gilt der Frage, was ist Kunst überhaupt?  Wie geht das? Wo fängt Kunst an und wo hört sie auf? Gibt es Erklärungsmuster? Vielleicht eine Theorie? Was ist Qualität und warum? Wie funktioniert der Kunstmarkt? Und wieso wird Kunst so wenig verstanden? Was passiert da? Sich damit zu beschäftigen, das liegt mir glaube ich mehr.

? Wo hast Du Kunst studiert?

Zuerst war ich knapp drei Jahre an der Freien Kunstakademie in Überlingen. Dort habe ich ein Grundstudium absolviert, Aktzeichnen, Kunstgeschichte, Farblehre, etc.  Danach kam ich zur Akademie der Bildenden Künste an der Alten Spinnerei Kolbermoor, einer Kunstschule, an der u.a. Prof. Markus Lüpertz lehrt. Ich konnte mich nach weiteren zwei Jahren in seine Meiserklasse einschreiben. Ein großer Zugewinn!​

? Findest Du in Prof. Lüpertz den Meister, der Dir hilft, Kunst zu verstehen?

Ja, in der Tat ist Prof. Lüpertz nicht  nur eine guter Lehrer in Sachen bildnerisches Gestalten, sondern auch ein hervorragender Vermittler der Kunsttheorie und Kunstanalytik. Seine Aussagen sind immer höchst spannend und erkenntnisreich, auch wenn man sie nicht immer gleich versteht. Er redet weit über das eigentlich zu betrachtende Bild hinaus und referiert über Zusammenhänge, die sich einem erst peu à peu erschließen.

? Welche Erkenntnisse sind das? Kannst Du ein Beispiel nennen?

Gute Frage. In der Malerei und in der Kunstgestaltung ganz allgemein sind wohl Freiheiten gegeben, die man andernorts  kaum mehr erleben kann. Zu dicht sind zwischenzeitlich andernorts all die Zwänge. Nicht so in der Kunst. Sie erlaubt Fluchten in alle Richtungen. Das ist reizvoll. Und obwohl Kunst nach Regeln sucht, belohnt sie den, der sie bricht, der Grenzen überschreitet. Das kann einen schon verrückt machen, aber auch entzücken. Kunst schafft ungemeine Freiräume. Kunst ist ein Medium, das alles verzeiht und deren Hochachtung steigt, je mehr Regeln außer Kraft gesetzt werden. Wo bitteschön gibt es denn sowas sonst noch?

? Regelbruch, das klingt wie Anarchie?

Könnte man meinen, ist es aber nicht!

? Was bedeutet Kunst also dann, wenn nicht Anarchie?

Kunst bedeutet für mich die Tür aufzumachen und in einen neuen Raum zu gehen. Darin verhält sich alles anders, andere Regeln, andere Leute, anderes Licht, andere Normen, andere Vielfältigkeit. Kein anderer Raum bietet so viele Freiheiten wie die Kunst. Künstler zu sein bedeutet, diesen Raum auszufüllen. Talent wird zur Verpflichtung. Kunst wird zum Dauerzustand der Freibeuterei mit Farbe und Leinwand. Eine Art Besetzung des freien Raums. 

? Kannst Du diesen Raum näher beschreiben? 

Die Kunst besteht aus vielen freien Räumen, in vielen Häusern und in vielen Ländern, überall. Der Kunstraum ist unendlich groß, und es wird jeden Tag dazu gebaut. Er expandiert mit jedem neuen Künstler. Jeder neue Künstler erschafft sich einen neuen Raum. Er bewohnt ihn, gibt ihm seine eigene Gesetzmäßigkeit. Jeder Künstler ist einzigartig und nicht zu tadeln für das, was er in diesem Raum macht. Allein sein Gestaltungswille definiert den Raum. 

? Wie wichtig ist der Austausch mit anderen Künstlern, von Raum zu Raum sozusagen? 

Das ist ein sehr schwieriger Aspekt in der Kunst. Es gibt Leute, die können einem sehr viel sagen, vorausgesetzt, man spricht die gleiche  Sprache. Die sind wertvoll. Gute Kunstkritik ist etwas sehr Konstruktives. Und gleichsam ist es sehr schwer, weil man in den Kunstraum des anderen treten muss, dort nach den Regeln des anderen zu urteilen hat, sonst macht es keinen Sinn. Sonst sind Fehldeutungen vorprogrammiert. Gute Künstler und Dozenten können das. Das sind aber auch nur wenige. Die wenigen sind dafür hervorragende Kritiker. Das kann einen weiterbringen. 

? Was würdest Du jemanden sagen, der wissen will, ob sein Bild gelungen ist, wann etwas als gute Kunst gilt und wann nicht?

Zuallererst hat Kunst nichts zu tun mit Gefälligkeit. Kunst dient nicht der Dekoration. Im Endeffekt definiert allein der Bildschaffende seine Kunst. Allein er ist verantwortlich für sein Werk. Sein Werk beinhaltet ihn, sein Denken, seine Ethik, seine Sicht, seine Wahrnehmung, sein Urteil. Gute Kunst definiert sich aus dem Erreichen und dem Genügen des eigenen Anspruchs. Wenn ich selbst zufrieden bin, ist meine Kunst gut, per Definition.

Dabei gilt: Jeder Gegenstand, jedes Handeln, jeder Mensch, jedes Artefakt wird zum Exponat der Kunst, wenn man ihnen den Kunstraum zuschreibt, in denen sie agieren, entstehen oder wahrgenommen werden. Im Kunstraum ist alles Kunst. Tritt man aber aus dem Kunstraum heraus und bringt man dieselben Exponate in den Alltag zurück, verblassen die meisten und viele sind als Kunst nicht mehr erkannt, nicht mehr deutbar, kaum verstanden, manche sogar verschrien oder belächelt. 

? Verstehe ich das richtig? ​Kunst definiert sich durch den Kunstraum, durch den Künstler selbst? 

In gewisser Weise, ja. Kunst ist immer gebunden an den Künstler nicht an den Betrachter. Ein Stück, gemalt von einem Schimpansen, ist per se keine Kunst, obwohl das Bild für den Betrachter ansprechend sein kann. Wenn der Schimpanse hingegen selbst zum Kunstraum gehört, wird er und sein Tun zur Kunst. Allerdings bedarf es dann auch eines Künstlers, der den Schimpansen dort hineingelassen hat.

? Wie soll ein Betrachter Kunst wahrnehmen und verstehen, wenn nicht durch das was er sieht?

Kunst kann sich in der Wahrnehmung wandeln. Dasselbe Stück wird in der einen Welt verstanden, in der anderen Welt eben nicht. Unterschiedliche Epochen, Kulturkreise, Systeme machen es schwer, alles über einen Kamm zu scheren. Kunst verlangt das Wissen, wer der Künstler ist, warum er in welchem Kunstraum lebt und arbeitet, oder gelebt und gearbeitet hat.

? Das bedeutet, man müsste sich viel tiefer in die Arbeiten hineinversetzen?

Kunst ist sehr viel mehr als das fertige Bild oder die Skulptur. Der Hintergrund ist ebenso wichtig. Dazu gibt es Kunstgeschichte. Ich erkenne Kunst auch nur dann, wenn ich mich auf den Kunstraum des Künstlers einlasse. Wenn das nicht der Fall ist, geht Kunst deshalb verloren, weil man verlernt hat, sie zu erkennen. Übrigens steckt darin auch die Tragik, dass manchmal dasselbe Werk von den einen als gute Kunst, von den anderen als schlechte Kunst beurteilt wird, oder gar dem Werk, Kunst zu sein, ganz abgesprochen wird.

? Teilt Lüpertz diese Auffassung? Seine Werke sind ja auch manchmal umstritten.

Das weiß ich nicht. Aber nach drei Jahren Studium sollte man etwas von ihm gelernt haben. Nicht alles, aber ein bisschen mehr als vorher. 

? Lüpertz Buch „Der Kunst die Regeln geben“ hinterfragt das Kunstverständnis. Ist es ein Lehrbuch?

Wenn man Lüpertz als Professor verstehen will, sollte man es lesen. Wenn man Lüpertz als Künstler verstehen will, sollte man es auch lesen. Die Essenz daraus ist: Kunst ist ein großes Spiel, jeder kann mitspielen. Das Interessante dabei ist, dass das Spiel zwar Regeln kennt, aber jedem Mitspieler einräumt, auch eigene Regeln aufzustellen und mit tradierten Regeln zu brechen. Manch einer wird so zum Gewinner. Das soll sich mal einer beim Sport vorstellen. Undenkbar! Aber das ist Kunst.

Bildschirmfoto 2021-01-08 um 10.14.40.pn