INTERVIEW mit Matthias Riecker

? Kannst Du uns bitte kurz Deinen Weg in die Malerei skizzieren?

Ich komme ursprünglich aus dem Filmgeschäft, habe mich allerdings seit Jugend insbesondere mit der Malerei beschäftigt. Malen tue ich erst seit ca. 5 Jahren. Jetzt habe ich die Zeit dazu.

? Hast Du eine grundlegende künstlerische Ausbildung, nutzt Du das Angebot von Kunstakademien, bist Du reiner Autodidakt etc?

Nein, ich habe keine klassische Ausbildung für Malerei. Die Akademie für Bildende Künste in Kolbermoor war in meiner Nähe und sie entsprach von Anfang an meinen Vorstellungen, meine bis dahin ungenügenden Kenntnisse in der Malerei zu verbessern. Nicht ganz unbeteiligt hierbei war Prof. Lüpertz, der mich seit ca. 3 Jahren als Meister begleitet.

? Bist Du ein „abstrakter“ oder ein „gegenständlicher“ Maler?

Ganz klar ein abstrakter Maler.

? Wie entstehen Deine Bilder? Hast Du vorher einen Plan oder gehst Du ganz frei an die weisse Leinwand heran?

√ Ja, das ist jedes Mal die gleiche, etwas unangenehme Situation - wie der Torwart vor dem Elfmeter. Wenn ich die Leinwand erst einmal grundiert und den ersten Strich getan habe, ist die Distanz verflogen. Was dann daraus entsteht, ergibt sich Pinselstrich für Pinselstrich.

? Kannst Du Deine gemalten Bilder kurz beschreiben?

Das ist eine schwierige Frage. Die Dimension ist in jedem Fall breit und schwankt von total chaotisch bis graphisch strukturiert und minimalistisch - ja nach Stimmungslage. Ich versuche mit neuen Methoden - z.B. mit dem Einsatz von Plexiglasplatten meine Bilder besonders zu machen. Bisher gelingt das ganz gut.

? Wie lange arbeitest Du durchschnittlich an einem Bild?

Das ist komplett unterschiedlich: von 10 Sekunden bis mehrere Tage. Kommt ganz auf die Bildgestaltung, Technik und die Quälerei an, die mir das Bild zumutet.

? Wie zufrieden bist Du mit Deinem Werk, wenn es fertig ist?

Nach dem Bild ist vor dem Bild. Ich versuche, das neue Bild - in jeder Hinsicht - besser zu machen. 

? Übermalst Du Bilder?

√ Ja, nicht alle, aber mit einigen aus der Vergangenheit bin ich nicht mehr einverstanden.

? Denkst Du, dass Du einen Stil hast, an dem man Dich bzw. Dein Werk erkennen kann?

√ Das war ein ganz großes und wichtiges Thema für mich. Jeder in meiner Umgebung hat behauptet, ein Künstler braucht einen Stil. Lüpertz sagt, "wer einen Stil hat, ist als Künstler tot". Das hat mich sehr beruhigt. 

? Hast Du einmal versucht, einen anderen Stil (abstrakt, gegenständlich) auszuprobieren? Wie ist es Dir dabei gegangen?

√ Ja, habe ich tatsächlich, aber es ist meist misslungen. Den Akt-Kurs habe ich gehasst und die motivierenden Worte der Dozenten nicht geglaubt. Ich bleibe abstrakt. Zudem habe ich nur wenige Künstler kennen gelernt, die Beides können. Das hat sicher etwas mit unseren Gehirnhälften zu tun.

? Wie siehst Du Deine aktuelle Tätigkeit als Künstler? Malst Du jeden Tag im Atelier oder nur sporadisch?

√ Ich bin jeden Tag im Atelier, male und treffe meine Künstlerkollegen in der Ateliergemeinschaft. Das ist für mich sehr erfüllend.

? Wie wichtig ist Dir der Austausch mit anderen Künstlern? (Netzwerk. Ateliergemeinschaft. Stammtisch).

√ Wie oben erwähnt sind Kollegen, mit denen ich Spass habe und mit denen ich ernsthaft über Malerei sprechen kann, essenziell. Für mich ist es auch wichtig, dass ich meine Probleme und Fragen mit anderen besprechen kann. Das hilft mir sehr häufig. 

? In der Musikszene spielen Musiker als Band zusammen und treten gemeinsam öffentlich auf.

Könnte eine Künstlergruppe den gleichen Effekt erreichen oder warum funktioniert dies in den meisten Fällen nicht?

√ Ganz schwieriges Thema! In fast allen Fällen, wo so etwas versucht wurde, klappte es nur temporär. Das liegt sicher nicht an der Individualität jedes einzelne Künstlers. Die Musiker ticken ja genauso. Meist bilden sich Gruppen, um gemeinsam auszustellen, die Kosten zu teilen und die Bilder besser zu verkaufen. Die Malerei eignet sich nicht für eine Gruppenbildung. 

? Wenn Du Deine Stellung als Künstler in der Gesellschaft beurteilst, wie groß ist die Anerkennung?

√ Ich denke die Anerkennung ist heute sogar ziemlich groß. Ich hatte den Vorteil dass ich sehr spät mit der Malerei angefangen haben und die Freunde erstaunt waren, was dann doch herausgekommen ist.

? Wenn Du Dich selbst betrachtest: wie bist Du mit Dir und Deiner Tätigkeit als Künstler zufrieden? Hättest Du lieber einen „vernünftigen“ Beruf erlernt?

√ Ich komme ja von einem ganz normalen Beruf. Heute geniesse ich meine persönliche Freiheit, habe keinen Zeitdruck und muss mich vor niemanden erklären. Allerdings komme ich mir schon manchmal komisch vor, wenn die Freunde morgens zur Arbeit gehen und ich ins Atelier. Daran musste ich mich erst gewöhnen. Heute finde ich es ziemlich cool!

? Die Vermarktung Deiner Person als Künstler ist ja ein diffiziles Thema! Bist Du der Ansicht, dass der Künstler das selbst machen sollte oder besser über einen Agenten bzw. eine Agentur?

√ Ich bin der sicheren Meinung, dass man nur Künstler oder Vermarkter sein kann. Das sind zwei ganz unterschiedliche Metiers, mit komplett anderen Denkungsweisen. Manchmal kommt es auch ziemlich peinlich, wenn Künstler sich selbst über den Klee loben. Natürlich spielen die Kosten eine Rolle, aber es gibt ja viele Möglichkeiten, einen Bildbeschreibung o.ä. von einem Kollegen oder Freund geschrieben zu bekommen.

? Für wie wichtig hältst Du - für Deine öffentliche Darstellung - die Prominenz Deiner Lehrer, Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen und Internationalität?

√ Ich denke, wie in der guten Küche machen verschiedene Gewürze das Essen besonders gut. Wenn man sich heute in den Galerien bewerben will, sind solche Vorgaben natürlich essentiell.

? Wie gestaltet sich Dein Verkauf? Hast Du eine Galerie, die Deine Bilder verkauft?

√ Nein, ich habe bisher keine offizielle Galerie, die mich vertritt. Ich wollte damit bis nach dem Meistertitel warten. Aber ich strebe es in jedem Falle an.

? Die Online-Medien sind auf den ersten Blick für die Vermarktung und für den Verkauf sehr reizvoll. Was sind Deine Erfahrungen, welche Medien nutzt Du und was ist Deine Meinung darüber?

√ Ohne die Online-Medien geht heute nichts mehr! Es gehört einfach dazu, bei Instagram und Facebook vertreten zu sein. Ohne sie ist man heute nicht existent. Zusätzlich ist eine grafisch und inhaltich gut gestaltete Website mit allen relevanten Informationen inkl. Bildergalerie wichtig.

In den letzten Jahren sind sehr viele Online-Galerien aufgepoppt, die versuchen, mit Bildern Geld zu machen. Bis dato haben sich nur wenige davon als seriös herausgestellt, dazu gehören sicher Sacchi und Singulart.

? Findest Du es berechtigt, dass - auch Online - Galerien meist 50% des Bild-Preises als Honorar nehmen. Ist dies aus Deiner Sicht berechtigt?

√ Wenn sie ihre Sache gut machen, ist das Honorar meist berechtigt. 30% würden aber auch ausreichen.

? Hast Du einen „Schlüssel“ für die Festlegung Deiner Bilderpreise? Gibt es Kriterien, nach denen Du den Preis „errechnest?

√ Ich nutze für meine grobe Preiskalkulation den allgemein genutzten Schlüssel Breite plus Höhe mal Künstlerfaktor. Hinzu kommen technischer und materieller Aufwand, Rahmung etc.. Kleinere Bilder muss man höher, grössere Bilder etwas niedriger rechnen. Am Ende ist es Bauchgefühl.

? Der Besuch von Ausstellungen, Museen und Galerien gehört ja zur Tätigkeit eines Künstlers dazu. Welche Ausstellung der letzten Jahre hat Dich am meisten beeindruckt oder gar beeinflusst?

√ Das gibt es eine Reihe von sehr guten Ausstellungen. Richtig beeindruckt war ich von einer Ausstellung im Museum for Contemporary Urban Art in Berlin sowie von dem Sprengel Museum in Hannover, die eine exzellente Ausstellung von Albert Oehlen präsentiert hat.

? Welchen Stellenwert nimmt die Kunst | Malerei allgemein in Deinem Leben ein?

√ Die Kunst spielte in unserer Familie immer eine sehr große Rolle. Doch hat der Stellenwert jetzt in meiner aktiven Zeit als Maler natürlich stark zugenommen und bestimmt meinen Tag.

? Willst Du mit der Deiner Kunst Etwas erreichen?

√ Die Frage aller Fragen! Ja, ich will, dass die Menschen, die meine Bilder sehen und auch die meine Bilder gekauft haben, Freude daran haben. Wenn das gelingt, bin ich zufrieden.

? Was hat Deine künstlerische Tätigkeit für Dich persönlich gebracht?

√ Für mich ist es wichtig, dass ich Keinem Rechenschaft über mein Tun ablegen muss. Ich bestimme meinen Lebenstakt, bin autonom in meinen Entscheidungen und nahezu frei in meiner Zeitgestaltung. 

? Du hast Dir sicher schon einige Gedanken zum Thema Kunst gemacht. Versuche, selbst einen Satz zu formulieren, der Dein Gefühl zur Kunst im Allgemeinen beschreibt.

√ Die heutige, zeitgenössische Kunst ist unübersichtlich und scheinbar unstrukturiert; bietet aber für den Künstler den unschätzbaren Vorteil, keine Floskeln, keine Attitüden, keine Normen, keine Dogmen und keinen Konsens bedienen zu müssen. Der Betrachter muss allerdings hochbegabt sein. 

? Versuche einen Satz zu formulieren, der andere Menschen überzeugen soll, auch künstlerisch tätig zu werden.

√ Es ist eigentlich alles gesagt. Wer frei und kreativ arbeiten will, sollte es tun.

? Versuche einen Satz zu formulieren, der andere Menschen davon abhalten soll, mit Kunst Geld verdienen zu wollen bzw. sogar den Lebensunterhalt zu verdienen.

√ Jedem der mit Kunst Geld verdienen muss, sollte dringend abgeraten werden. Dies funktioniert nur in extrem seltenen Ausnahmefällen. Leider.

Bildschirmfoto 2021-01-08 um 10.14.40.pn