INTERVIEW mit Helmut Giersiefen

inkl. Kommentar von Heather Furman, Executive Creative Director & Partner, Donovan Green, New York

Du hast beruflich ja sehr erfolgreich in der forschenden Medizin gearbeitet. Wie bist Du dann zur Fotografie gekommen?

√ Ich habe schon während meiner Studienzeit in einem Fotolabor gearbeitet und die analoge Fotografie in allen Facetten gelernt. Da ist offensichtlich viel hängengeblieben. Heute – nach meiner beruflichen Karriere – habe ich die Zeit, die Freiräume und die technischen Voraussetzungen, mich der Fotografie zu widmen.

 

Wie entstehen deine fotografischen Arbeiten?

Ausgangspunkt ist immer eine intensive Auseinandersetzung mit einer für mich interessanten Thematik und der Frage, wie man diese fotografisch darstellen und interpretieren kann. Gepaart mit der Auswahl der passenden Motive, eines geeigneten Filmmaterials oder einer fotografischen Technik realisiere ich gereifte Ideen.

 

? Fotografierst du lieber digital oder analog?

Ich bevorzuge analoge Fotografie. Sie erlaubt es mir, mit zahlreichen Variablen zu arbeiten, die es in der digitalen Fotografie nicht gibt. Außerdem zwingt sie mich, vorab eine Auswahl der Motive und deren Set-Up zu treffen.

 

Was sind für dich die größten Herausforderungen in Deiner Fotografie?

√ Die geografische Lage des Motivs und seiner Umgebung, die Auswahl einer Perspektive und der Zeitpunkt optimaler Lichtverhältnisse.

 

Du hast ja in der Vergangenheit einige Bücher publiziert. Ich denke da insbesondere an „Latitude 43“. Kannst du uns erklären, was dich an diesem Projekt interessiert hat?

√ Das 2019 erschienene Fotografie-Buch ist eine Hommage an das 1936 vom französischen Architekten Georges-Henri Pingusson in Saint-Tropez erbaute Hotel Latitude 43. Auf meinen Reisen an die Côte d’Azur fiel mir immer wieder dieses große weiße Gebäude auf, das so gar nicht in die pittoreske Landschaft passt. Ich habe dann dessen bemerkenswerte Geschichte recherchiert und war erstaunt, dass diese unter Einheimischen und Touristen relativ unbekannt ist. Das Buch erzählt diese Geschichte und nimmt den Betrachter auf einen Rundgang durch das geschichtsträchtige Gebäude.

 

Ein weiteres Buch trägt einen provokanten Titel, „Tatorte“. Wofür steht dieser Titel?

√ Der Gegenstand dieser fotografischen Arbeit und des Buchs ist eine Vielzahl von Jagd-Hochständen, die aufgrund ihrer architektonischen Vielfalt wie hölzerne Skulpturen in der Natur wirken. Die analogen Aufnahmen wurden mit dem Washi-Film fotografiert, um den Hochsitzen in ihrer jeweiligen Umgebung die unheimliche Stimmung eines Tatortes zu verleihen. Beim Washi-Film ist die fotografische Emulsion auf Moriki-Japanpapier aufgetragen. Im Positiv resultiert das in einer kontrastreichen Darstellung des Motivs mit einem granularen Hintergrund.

 

Haben dich andere Fotografen und deren Arbeiten beeinflusst?

√  Ich glaube, alle Künstler werden auf eine Weise von fremder Kunst beeinflusst. Mich haben schon sehr früh die Arbeiten von Bernd und Hilla Becher beindruckt, insbesondere ihre Kombination eines interessanten und zeitgeschichtlichen Themas (Industrielle Bauten), die Auswahl der Motive, die handwerklich brillante Ausführung der Fotografie und die Darstellung der Fotografien mit dem Anspruch, architektonische Typologien aufzudecken. Diese Kombination ist auch zu meinem Anspruch geworden.

 

Der Maler Prof. Markus Lüpertz hat einmal gesagt, dass die Fotografie „banal“ ist, weil durch die technischen Möglichkeiten der Künstler sich kaum noch einbringen kann. Wie schätzt Du die Rolle der Fotografie innerhalb der Gegenwartskunst ein? 

Dem widerspreche ich. „Banal“ bedeutet im Ideengehalt und gedanklich recht unbedeutend, durchschnittlich, alltäglich und gewöhnlich.

Der Begriff „Fotografie“ hat seinen Ursprung im Altgriechischen – photós  (Licht) und graphein (Malen oder Zeichnen). In der analogen Fotografie sind die „technischen Möglichkeiten“ Variablen, die der Fotograf gezielt künstlerisch einsetzt. Dazu gehören Lichtverhältnisse, Perspektiven, Objektive, Blenden, Belichtungszeiten, Schärfe, Schärfentiefe, Filmmaterialien, Fotopapiere, Entwicklungsprozesse und vieles mehr.

 

Es ist nicht mit dem Auslösen der Kamera getan. Mein Eindruck ist jedoch – und vielleicht meint Lüpertz das mit „banal“ – dass sich die Fotografie im Zuge der Digitalisierung enorm verändert und trivialisiert hat. Pro Sekunde werden auf Facebook circa 3000 Fotos hochgeladen – das sind 259 Millionen Fotos pro Tag. Auf Instagram werden täglich 20 Millionen neuer Bilder gepostet. Der perfekte Schuss wird zur statistischen Herausforderung und ist er einmal nicht perfekt, so lässt er sich leicht mit den entsprechenden digitalen Handwerkzeugen optimieren.

Somit wird der Betrachter oft getäuscht. Die Fotografie muss sich also neue Wege suchen, um einem künstlerischen Anspruch gerecht zu werden und mit Medien und Techniken experimentieren.

 

Ein Gang über die Paris Photo, eine der größten Messen für Fotografie verdeutlicht diesen Trend während der letzten Jahre. Der Betrachter erfährt, wie sich Medien, klassische und moderne Techniken miteinander zu neuen Kunstformen vermischen.

KOMMENTAR:

Heather Furman, Executive Creative Director & Partner, Donovan Green, New York

"I saw your interview on spinne today! You did a great job. I loved what you said in response to the Lüpertz quote about photography being ‘banal.’ You are 100% right. All of those qualities that make up the artistic nature of photography are the same that painters and sculptures consider, it is only the medium that is different, and therefore offers a different field of versatilities.

I love also that you brought it to digital photography, and how that has also evolved the practice and the art. My boyfriend is a musician, and we often talk about the art in music of the past – like Motzart, Frank Sinatra, Sam Cooke, and Prince — and how that compares with the more digitally created music of today. It does not take the art of the composer away, however the tools are different and the frequency of the proof / test / product is more rapid.

The art is in the evolution, and how the artist sees / or hears the world, and interprets it in a way that viewers can relate to. Shows them their world in a new, exiting, or emotional way that gives meaning to the work.

 

I could talk about this for hours!"

 

Bildschirmfoto 2021-01-08 um 10.14.40.pn