Text von Barbara Münstermann

Wie meine Bilder in die Welt kommen

​Zitat: "Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trägt".

Hilde Domin

 

Ich male, wenn es mich zur Leinwand zieht.

Wenn ich mich innerlich mit der Malerei verbinden will.

Wenn etwas reif geworden ist in mir. 

 

Es ist als ob ich tagelang an Eindrücken, Gefühlswelten, Atmosphären die in der gelebten Wirklichkeit an mir vorbeiziehen, andocke,  sie in meinem Unterbewusstsein aufnehme und sammle: 

eine Lichtfarbe, ein abgebrochener Baumstumpf im Wald, eine graugrüne Filmkulisse, ein spielendes Kind, ein Musikstück. Eindrücke, wie Wörter oder Begriffe, die ein Satz, eine Erzählung bilden.

 

Es scheint, als wenn sich diese Einzelbilder und Empfindungen, die beiläufigen Entdeckungen und Farben in meinem Inneren verdichten und sortieren, und erst, wenn sie reif sind, wenn sie eine Unruhe in mir bewirken, setze ich den Fuß in die Luft, den Pinsel auf die Leinwand, und er trägt, es malt. 

 

Bei jedem Schritt ins Ungewisse, jeder aufgetragenen Fläche, jedem Strich entsteht dabei eine Brücke, ein Weg.

 

Natürlich gibt es auch immer eine Planung, ein Ziel:

diesmal weniger Farben, diesmal keine Horizontlinie, diesmal Farben mehr mischen, diesmal weniger dies und das und dafür mehr das und dies. Weg vom alten, raus aus der Komfortzone des bereits Bekannten. 

 

Ich brauche diesen Plan, er gibt mir die Gewissheit, dass ich auf etwas hin arbeite, einen Schritt nach vorne gehe. Mich weiter entwickle.

 

Aber dann kommt es oft ganz anders.

 

Woran liegt das?

 

Kann ich nicht zielsicher sein, geradlinig arbeiten, an einer Sache richtig dran bleiben?  

 

Ich glaube eher, dass Bilder in ihren jeweiligen Stadien immer wieder neue Impulse an den Malenden senden. Natürlich haben diese Impulse etwas mit der jeweiligen eigenen Sicht zu tun, bin ich mit meinem Sehen eher in der Landschaft verwurzelt, sind Impulse oftmals Hinweise zu landschaftlichen Entdeckungen.

 

Ist mein Fokus der Akt, so offenbart das Gemalte eher Formen und figurative Ahnungen  die zur Aktgestaltung gehören. Dennoch, je offener ich bin, je freier ich in meiner Betrachtung bin, um so mehr Überraschendes kann ich aufgreifen, neu kombinieren, anders in Beziehung setzten und somit etwas Neues gestalten. 

 

Genau dieser Prozess ist für mich der größte Reiz und gleichzeitig die größte Erfüllung in der Malerei.

 

Meine Vorbereitung für ein Bild liegt deshalb hauptsächlich in der inneren Aufnahme von Bildeindrücken aus der täglichen Wirklichkeit. Sie nähren mich, sie halten meine Aufmerksamkeit in Bewegung.

 

Ich nähere mich einer Thematik weniger in Serien oder durch Skizzen, vielleicht eher über Fotografien. Nicht zufrieden stellende Ergebnisse übermale ich.

 

Mein Weg geht in die Entdeckung, das assoziative Verknüpfen, entlang der Freude am Entstehen des oft nicht Gewollten. 

 

Die vermeintlich fertigen Bilder bleiben nach dem ersten Wurf oft lange einfach auf der Staffelei stehen. Sie wirken und reifen. Irgendwann sehe ich, wie es weiter gehen könnte. Oder welche Bereiche eines Bildes nicht passen, stören. Oder das Bild ist fertig. Und überstrahlt alle Zweifel. 

 

Das sind Momente größter Dankbarkeit!

 

 

Bildschirmfoto 2021-01-08 um 10.14.40.pn